Jeder Mensch hat einen in seinem Korper „eingebauten" Kompass, der nicht nach dem geo-mag-netischen Feld der Erde, sondern nach dem, was die Augen sehen, gerichtet ist. Wenn man sich in Sudbulgarien befindet, liegt einem das Balkan-Gebirge nordlich; Wenn man sich in Nordbulgarien befindet, dann liegt einem das Balkan-Gebirge sudlich; Das Schwarze Meer liegt ostlich. Die Donau, wie es in den Geographielernbuchern geschrieben steht, ist die nordliche Grenze Bulgariens. In der Stadt Vidin funktioniert dieser Kompass aber nicht. Die ersten Sonnenstrahle kommen uber die Wasser der Donau hoch - dort, wo die bulgarische Vorstellung fur die Richtung Norden ist, und lassen somit die jahrelang gebildete geographische Vorstellung zerplatzen. Im ersten Moment ist man sich ganz sicher, dass man der Zeuge irgendeiner Naturanomalie wird, denn sonst kann man sich den Grund, dass die Sonne von Norden aufgeht, nicht erklaren. Die Uberwindung des erstmaligen Schockes ist fur jeden einzelnen Menschen ein unterschiedliches Erlebnis, doch wenn man die Grunde verstanden hat und das Geschehnis vollzogen hat, dann beginnt man die Welt in einer anderen Weise zu betrachten. Das Gefuhl ist eigentlich einmalig, und die Erklarung - sehr einfach, jedoch nur an der geographischen Karte: genau hier macht die Donau eine scharfe Kurve und flie?t in Richtung Suden. Es dauert nicht lange, bis der Fluss seinen Fehler begriffen hat, und sich mit einer sanften Kurve wieder ostlich richtet. An dieser interessanten Stelle liegt die Stadt Vidin. Es ist interessant zu wissen, dass im Bulgarischen das Verb „âèæäàì - vijdam, vidi" „sehen" bedeutet. Und augenscheinlich wurde damals die Stadtname nicht zufallig gewahlt, denn man verliert die Orientierung sehr leicht, hort auf, dem zu glauben, was man sieht, und sucht nach anderen Markern, die einen an die Realitat binden. Man unterzieht seine Sinne einer anderen Ordnung, verandert seine Wahrnehmung und beginnt die Dinge anders zu verspuren. Zwei Ansichtspunkte haben die Geschichte der Stadt Vidin wahrend der Jahrtausende bestimmt und bestimmen sie heute noch, namlich, wie die anderen die Stadt sehen, und wie die Stadt die anderen sieht. Die Ruinen einer antiken Statte, die 1,5 km von der Stadt entfernt ist, sind der Beweis dafur, dass die antiken Anwohner der Balkanhalbinsel noch wahrend der Jungsteinzeit (Neolithikum) und der Kupfersteinzeit (Aneolithikum) (5. - 3. Jahrtausend vor Christus) den Reichtum und die Fruchtbarkeit der Region entdeckt haben und hier ansassig wurden. Mit der Zeit entwickelten sich primitive Formen der Landwirtschaft, der Viehzucht, der Jagt und des Fischens. Es sind auch Befunde fur das Leben in diesem Gebiet auch aus der Bronzezeit vorhanden. Die Prozesse entwickelten sich mit einer sich steigernden Intensitat auch in den darauf folgenden Jahrhunderten weiter. Auch das thrakische Volk der Moesi, die Homer als geschickte Kampfer im nahen Kampf bezeichnete, hatte damals die einmalige geographische Lage und den Reichtum der Erde erkannt und war demzufolge hier ansassig geworden. Befunde aus ihrer Zivilisation sind im heutigen Wohnviertel von Vidin mit dem Namen „Kaleto" (auf Deutsch „Die Festung") entdeckt. Die Gestaltung der Stadt in der Form einer Festung begann. Das moosige Gebiet und der gro?e Fluss Donau waren der naturliche Schutz fur die Einwohner. Die Moesi wurden mehrmals von verschiedenen Volkern und Stammen uberfallen und besiegt. Sie schlugen die Heere von Philip Makedonski nieder (im Zeitraum 350 - 336 vor Christus), doch dessen Sohn -Alexander der Gro?e (336 - 323 vor Christus), eroberte sie und schloss das Donauer Gebiet seinem Reich an.
Die Kelten waren der nachste Stamm, der dieses Land bewohnte. Sie uberfielen und eroberten die Statte und benannten sie Dunonia, was auf Deutsch soviel wie eine hoch liegende, befestigte Statte bedeutet. Dann kamen die Romer, die der Name Dunonia mit dem Namen Bononia, auf Deutsch also eine schone Festung bedeutend, veranderten. Die strategische Lage der Statte schatzend, begannen die neuen Einsiedler sie zu erweitern und zu befestigen. Auch heute noch konnen die Ruinen dieser antiken Stadt gesehen werden. Die Romer grundeten hier eine Flussflotte und gaben damit den ersten bedeutenden Schub der sozial-wirtschaftlichen Entwicklung des Gebiets. Bis zur Aufteilung des Romischen Reiches in West- und Ostbyzanz im Jahre 295 vor Christus verwandelte sich Bononia (die heutige Stadt Vidin) in eine der starksten und am besten organisierten Festungen. Daraufhin war das Schicksal der Stadt immer unmittelbar mit dem Kriegswesen verbunden. Die strategische Lage der Stadt machte sie zu einer der wichtigsten Stadte von Byzanz, und der Name wurde auf Vidini verandert. Die Anzahl der Bevolkerung vergro?erte sich, der wirtschaftliche Aufschwung begann. Das Gebiet von Vidini wurde die „Weizenstadt" des Reiches genannt, man baute Weingarten an, der Handel wurde starker. Auch die Kunst und die Gewerben bluhten auf. Die Statte Ratsiaria (in der Nahe des heutigen Dorfes Archar) entstand als die Hauptstadt der romischen Provinz Dakien. Die Kriegsfeldzuge der Awaren zerstorten leider viele antike Stadten, darunter auch die Stadt Ratsiaria Danach wurde Bononia die Hauptstadt des Gebi ets.
Mitte des 6. Jahrhunderts begann die slawische Eroberung der Balkanhalbinsel. Die strategische Lage von Vidin wurde auch von den Protobulgaren geschatzt, und so wurde die Stadt Ende des 7. Jahrhunderts ein Teil des Ersten Bulgarischen Reiches an der Balkanhalbinsel. Der Name der Stadt wurde erneut auf Badin (und nach dem Jahre 1002 - auf Bdin; Das bulgarische Wort „ÁÄß bdia" bedeute: auf Deutsch „uberwachen", daher auch der Name der Stadt, dessen Festungen als Uberwachungspunkte dienten) verandert. Im 9. Jahrhundert wurde die Stadt Badin das Zentrum des einen von den insgesamt zehn bulgarischen Gebieten. Der Herrscher des Zentrums in der zweiten Halfte des 10. Jahrhunderts war Samuil der spater (997 - 1014) der bulgarische Konig (Zað) wurde. Die Stadt Badin verwandelte sich in eine der am meisten befestigten Statten auf der Balkanhalbinsel, die der byzantinische Konig Vasili II acht Monate lang belagern musste. Die Chronisten behaupten, dass nicht die Starke, sondern der Verrat der Grund fur die Eroberung der Stadt gewesen sei. Die Byzantiner benannten die Stadt Vidini und fuhrten deren Befestigung fort. Die Stadt spielte eine fuhrende Rolle auch zur Zeit des Zweiten Bulgarischen Reiches und hatte eine wesentliche Bedeutung bei den bulgarisch-ungarischen Konflikten (1257-1272). Circa 1280 wurde die Stadt das Zentrum des unabhangigen feudalen Furstentums des Despoten Shishman, der den Anfang der letzten bulgarischen Reichdynastie ansetzte. Sein Sohn, Mihail Shishman, wurde 1323 zum bulgarischen Konig (Zar) gewahlt. Etwas spater wurde das Bdiner Gebiet erneut vom Reich Tarnovo als Resultat des Beschlusses von Konig Ivan Aleksandar, noch vor seinem Tod das Reich unter seinen zwei Sohnen zu teilen, getrennt. Ivan Sratsimir wurde der Herrscher des Vidiner Reiches und lie? Munzen mit seinem Antlitz machen, trennte die Vidiner Kirche von Tarnovo und unterzog sie Konstantinopel. Der Konflikt zwischen ihm und seinem Bruder- Ivan Shishman, dem Herrscher von Tarnovo, wurde immer tiefer. Noch ein paar Faktore bedingten die komplizierte politische Situation auf dem Balkan Ende des 14. Jahrhunderts, namlich: Die Ungarn befanden sich in einer Expansion, und von Sud-Osten kamen die osmanischen Turken. Bulgarien war wegen inneren Unruhen zersplittert, die Ungarn eroberten in vier Jahren die Stadt Bdin und nahmen den Herrscher Ivan Sratsimir in ihrer Gefangenschaft. Spater wurde er wieder zum Herrscher gewahlt und fuhrte weiter. 1388 wurde er der Vasall des turkischen Sultans und lie? es zu, dass auf dem Territorium von Vidin eine turkische Garnison platziert wurde. 1396 organisierten die mitteleuropaischen Lander einen Kreuzzug unter der Fuhrung des ungarischen Konigs Sigismund V, dessen Ziel es war, die osmanische Expansion in Europa zu stoppen. Als die Kreuzzugsheere sich an Vidin naherten, offneten die Stadteinwohner die Pforten der Festung und toteten die turkische Garnison. Der Vidiner Konig beteiligte sich mit seiner eigenen Armee am Kreuzzug, der bald danach mit dem vollen Sieg der Turken endete. Wutend uber den Verrat von Ivan Sratsimir, eroberten die osmanischen Turken die Stadt Vidin und verwusteten sie. So fiel die letzte bulgarische Festung in die Hande der osmanischen Turken, die sich auf dem bulgarischen Territorium fur die nachsten 500 Jahre aufhielten. Die Stadt Vidin behielt ihre Bedeutung auch im Rahmen des Osmanischen Reiches. Sie war die gro?te Stadt an der Donau wahrend des 15.-17. Jahrhunderts und ein belebtes wirtschaftliches Handelszentrum. Die mittelalterliche Stadt Bdin (Vidin) liegt im hochsten Teil des heutigen Stadtviertels „Kaleto" und deckt eine Flache von ca. 200 dka. Nach deren Eroberung von den Turken wurden die Wande der Festung zerstort. In der zweiten Halfte des 17. Jahrhunderts dominierte uber der Stadt nur der Schloss „Baba Vida", der in eine unbesiegbare Zitadelle verwandelt wurde, der sich aber allmahlich vergro?erte und au?er der Umrisse der mittelalterlichen Statte hinausging. Die bulgarische Bevolkerung wurde immer vielzahliger und von 187 Haushalten im Jahre 1544 vermehrte sich auf 897 Haushalte im Jahre 1780.
Der turkische Abendteuer Evlia Chelebi schreibt uber seinen Besuch in Vidin 1661 Folgendes: „Es ist ein flaches Land, verstreut mit Kastanien und Palmen. Hier gibt es 24 Wohnviertel: 4 davon sind christlich, 1 ist judisch und die restlichen sind muslimisch." Einzelne christliche Familien besa?en Grundstucke oder Immobilien auch in den muslimischen Vierteln. Die Anderung kam Anfang des 18. Jahrhunderts, als Vidin die Grenzstadt des Os-manischen Reiches wurde. Ihre Prioritaten waren in das Gebiet des Kampfwesens gerichtet, was einen negativen Einfluss auf deren handelswirtschaftlichen Bedeutung ausubte. Die Festungswande der Stadt und der Schloss „Baba Vida" wurden befestigt, eine gro?e Militarsgarnison wurde hier platziert, doch die Tendenz der Herrscher der Stadt auf die Suche nach Unabhangigkeit existierte weiter. Ende des 18. Jahrhunderts wurde auch ein Untertan des Sultans - Osman Pazvantoglu (1793 - 1807) von dieser Tendenz besessen. Dieser erklarte sich zum unabhangigen Herrscher des Gebiets Vidin. Nebst des Umbaus der Festungswande veranlasste er die Umgestaltung und Renovierung des mittelalterlichen Schlosses „Baba Vida", lie? viele Moscheen, eine Bibliothek, eine Schule, eine Kaserne bauen und einige Fontane und Garten einrichten. Die Reformen von Osman Pazvantoglu endeten leider mit seinem Tod.
In der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts organisierte die bulgarische Bevolkerung fast kontinuierlich Aufstande. Der Gipfelpunkt war aber der Bauernaufstand von 1850, an dem sich etwa 17.000 Menschen beteiligten. Der Kampf der Bulgaren aus dieser Region fur die Unabhangigkeit der Kirche endete mit Erfolg - der Vidiner Metropolit Anthim wurde 1872 zum ersten bulgarischen Exarch gewahlt. Die Stadt Vidin wurde am 06. April 1878 von der turkischen Herrschaft befreit.
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